Ein Kommentar zum Artikel des Hamburger Abendblattes vom 19. Juli 2017.

Gibt es „Überdiagnosen“ von schwarzem Hautkrebs durch das Hautkrebsscreening?
Jein. Eine regelmäßige gründliche Untersuchung der Haut im Rahmen eines Hautkrebsscreening ist zumindest für Risikopatienten sinnvoll, da sind sich die Experten einig. Über zu viele entdeckte frühe Melanome (Melanoma in situ = schwarzer Hautkrebs, der noch nicht die Basalmembran durchbrochen hat und daher noch nicht metastasiert haben kann) gibt es auch weniger Meinungsverschiedenheiten zwischen Gesundheitswissenschaftlern und Hautfachärzten. Die Kritik bezieht sich besonders auf die Vorstufen und Frühformen vom weißen Hautkrebs, die sich nicht zwangsläufig auch zu weißem Hautkrebs entwickeln, zumindest nicht immer zu Lebzeiten der Betroffenen. Daher ist hier die Kritik berechtigt. Wir versuchen in unserer Praxis bei diesen Vorstufen auch möglichst auf Operationen zu verzichten und arbeiten eher mit immunaktivierenden bzw. den Zellschaden-reparierenden Cremes.

Der Vorwurf, es gäbe keine Beweise, dass sich aus der Vorstufe des Melanoms auch zwangsläufig Melanome entwickeln ist ein Totschlag-Argument. Die sichere Diagnose eines Melanoma in situ ist nur durch eine Exzision und anschließende histologische Aufarbeitung zu stellen. Danach kann ein (Rest)tumor selbst bei freiwilligen lebensmüden Patienten natürlich nicht wieder eingesetzt werden, um die weitere Entwicklung zu beobachten. Es wird daher nie möglich sein, diese Entwicklung wissenschaftlich nachzuweisen. Es gibt jedoch einige Studien, die sich dieser Fragestellung nähern, indem sie die Vorgeschichte anhand von Fotos und Patientenbefragungen untersuchen. Auch molekularbiologisch gibt es Hinweise, die zeigen, dass es einen direkten Weg vom Melanoma in situ zum Melanom gibt. So lassen sich bei diesen im der darunterliegenden Dermis Veränderungen nachweisen, die ein (baldiges) Durchbrechen der Basalmembran vorbereiten sollen. D.h. der Tumor kommuniziert bereits mit seiner Umgebung und sorgt für seine Progredienz.

Es gibt sicher keinen diesen Datenmangel kritisierenden Gesundheitswissenschaftler, der sich bei einem Verdacht auf ein Melanoma in situ diesen Tumor nicht herausoperieren lassen würde.

In dem Artikel wird auch die ABCD Regel erklärt, wie in nahezu jedem Artikel über dieses Thema seit vielen Jahren. Man hat den Eindruck, die Textverarbeitungen der Redakteure haben eine Automatik, die diese Regelerklärung direkt an jeden Artikel zum Thema Sonne, Hautkrebs oder Screenings anhängt. Nur leider ist diese Regel schon lange veraltet:

Was ist von der ABDC-Regel zu halten?
Die 1985 entwickelte ABCD-Regel hat einige Schwächen: erstens schlägt sie bei vielen gutartigen Hautveränderungen an wie beispielsweise Alterswarzen und bei vielen gutartigen Leberflecken, so dass sie zu einer viel zu hohen Rate an unnötigen Operationen beiträgt. Zweitens enthält sie die fahrlässige Regel „D“ wie Durchmesser über 5mm, die eine zu späte Erkennung von Melanomen fördert.
Wir arbeiten wie die meisten Hautärzte schon seit vielen Jahren mit der 1998 publizierten Regel des „hässlichen Entleins“ und erklären und empfehlen diese auch unseren Patienten. Hier wird nach dem Fleck gesucht, der anders aussieht als alle anderen Leberflecken am Körper.
Grob JJ, Bonerandi JJ. The ‚ugly duckling‘ sign: identification of the common characteristics of nevi in an individual as a basis for melanoma screening. Arch Dermatol 1998;134(1):103-104.
The „Ugly Duckling“ Sign: An Early Melanoma Recognition Tool For Clinicians and the Public. Alon Scope; Ashfaq A. Marghoob. The Melanoma Letter. 2007;25(3):1-3