GESTOCHEN SCHARFER GLOW

600 Nadelstiche pro Sekunde schreckten unsere Kollegin Lea Diemel-Rellecke nicht davon ab, Microneedling zu testen, den hissten (und wohl blutigsten) Beauty-Trend Hollywoods

Ein Stift mit sechs Nadeln sticht 600 Löcher pro Sekunde in die Haut. Aber wenn Stars wie Kim Kardashian und Gwyneth Paltrow auf die Behandlung schwören, kann’s doch so schlimm nicht sein, denke ich und nehme mir vor, es selbst auszuprobieren. Ein Blick auf ihre Instagram-Accounts verrät allerdings: Es wird wohl etwas blutig …

Ein bisschen mulmig ist mir schon zumute, als ich in die Praxis Goldbek Medical von Hautarzt Dr. Buck marschiere.
Zugegeben, ich habe mit Fruchtsäureeskapaden, Schneckenschleimmasken und Mikrostromtherapien bereits eine ordentliche Trophäensammlung im Beauty-Schrank des Wahnsinns gesammelt. Aber 600 Löcher pro Sekunde! In mein Gesicht! Für 280 Euro! Gut, nicht dran denken, sondern an die kleinen Aknenarben am Kinn. Die stören mich schon seit Jahren. Dr. Buck beteuert, dass ich genau dieses Problemzönchen mit Microneedling wieder in den Griff kriege. Und obendrein noch eine schön pralle Haut und kleinere Poren.
Zum Glück beginnt die Behandlung mit einem ausführlichen Vorgespräch, in dem alle Risikofaktoren ausgeschlossen werden und mir die Angst genommen wird. „Wenn man unter einer wiederkehrenden infektiösen Erkrankung wie etwa Herpes leidet, dann sollte man im Vorfeld der Behandlung unbedingt eine Prophylaxe machen, damit die Infektion durch die kleinen Verletzungen, die beim Needling entstehen, nicht verschleppt wird“, erklärt er mir. „Denn beim Microneedling regt man mit unterschiedlich langen Nadeln sehr schonend unter der Haut eine Wundheilung an, die intensive Prozesse aktiviert. “Dadurch wird die Haut neu strukturiert und sieht jünger aus.
In den ersten zehn bis zwölf Wochen soll bis zu 200 Prozent mehr natürliches Kollagen (das ist übrigens das Molekül, das für die Spannkraft der Haut zuständig ist) gebildet werden. Auch Akne- oder Windpockennarben können mittels Microneedling gemildert werden. Diese tief gehenden Behandlungen sollten aber von einem Fachmann ausgeführt werden. „Roller für zu Hause haben eine Nadellänge von höchstens 0,5 mm und sorgen deshalb in Kombination mit Seren lediglich dafür, dass die Wirkstoffe besser durch die Oberhaut dringen“, erklärt mir Dr. Buck. Den vollen Wow-Effekt erreicht man nur beim Experten.
Na dann, auf die Nadeln, fertig, los! Eine dicke Schicht Betäubungscreme wird zunächst wie ein Schutzschild auf mein Gesicht aufgetragen. Ich bekomme einen Wickel aus Klarsichtfolie, damit das Mittel besser wirkt. Alles taub. Als hätte man beim Zahnarzt eine Rundumbehandlung gebucht. Nach 30 Minuten wird mir im zweiten Schritt die Creme von einer Kosmetikerin abgenommen.
Der „eDermastamp“ (übrigens eine deutsche Erfindung) wird angesetzt. Sechs 1,5 mm lange Nadeln stechen in meine Stirn. Und ich spüre… nur ein kleines Ziehen. Der Nadelkopf drückt gleichmäßige Krater in meine Haut, was in Slow Motion betrachtet ein bisschen so aussieht wie die Stempelarme, die bei Butterkeksproduktionen Logos in einen Teig pressen. Immer wieder wird mein Gesicht mit Hyaluronsäure beträufelt und der Stift aufgedrückt. Am Kinn kommen längere Nadeln zum Einsatz. Immer noch kein Schmerz. Beine epilieren ist schlimmer. Ich frage mich mittlerweile, ob da wirklich das passiert, was die Kardashian versprochen hat, und zücke mein Handy. Beweise müssen her. Ein schnelles Selfie und die ganze Wahrheit.
Stamp-2.0-kleinUnter einer dünnen Schicht Blut ist die Haut gerötet und mit unzähligen Pünktchen bedeckt. Mein doch etwas schockierter Blick veranlasst die Kosmetikerin dazu, mir mit einem Desinfektionstuch die Haut zu reinigen. Geschafft! Eine Feuchtigkeitsmaske und eine Ladung Sonnenschutz später werde ich verabschiedet. Der ist wichtig, weil sonst die angeregten Prozesse in der Haut durch die Sonneneinstrahlung wieder reduziert werden. Gut, dass Winter ist und die Sonne sich jetzt doch eher selten blicken lässt. Auf dem Weg nach draußen kommt mir eine Frau entgegen und strahlt mich an: „Ganz toll, ich hab’s auch hinter mir!“ Hier fällt mein feuerrotes Gesicht kaum auf. Die ganzen Kopfschüttler bekomme ich erst auf dem Walk of Shame zum Bus. Jeder, wirklich jeder guckt mich an. In der Redaktion angekommen, werde ich gefragt, ob ich mich in der Jahreszeit geirrt und noch mal mein Halloween-Kostüm rausgeholt hätte. Auf den Spott folgen Komplimente. Es dauert nämlich nur schlappe vier Tage – und meine Haut erstrahlt in neuem Glanz. Die Narben sind zarter geworden, ich benutze weniger Make-up und habe das Gefühl, dass meine Haut so prall ist wie nie. Vier Tage Ausfall für ein ganz neues Babyface? Jederzeit wieder.